Projektbeschreibung

Forschungsprojekt "Mystik und Moderne"

im Rahmen des Programms "Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften" der VolkswagenStiftung

Wenn man die Moderne inhaltlich bestimmt sieht durch cartesianisches Weltbild, rationalistische Denkmethode, Säkularisierung, neuzeitliche Naturwissenschaften und deren technische Auswirkungen, so ist zu konstatieren, daß es in der Moderne stets und bis heute gegensätzliche Weltbilder gab, die auch sozialen Niederschlag fanden; die hier interessierenden sollen ‘mystisch’ genannt werden. Das Forschungsprojekt wird sich weniger mit Bewegungen und Gruppierungen der esoterischen Subkultur beschäftigen, sondern mit mystischen Erfahrungsauslegungen und Weltdeutungen innerhalb von Denkbewegungen und Weltbildern, die sich selbst als ‚wissenschaftlich’ oder ‚philosophisch’ oder auch als ‚politisch’ verstehen, in jedem Fall aber nicht als mystisch. Diese Erscheinungsweisen des Mystischen innerhalb der Bewegungen der Moderne sind bisher noch wenig beachtet geschweige denn – unter diesem Gesichtspunkt – untersucht worden.

Der Begriff ‚mystisch’ wird gewählt, um das zentrale inhaltliche bzw. strukturelle Merkmal der gemeinten Weltbilder bzw. einzelner Elemente moderner Weltbilder zu charakterisieren: das Verlangen nach Einheit und die Konstruktion von Einheit, nicht nur im Blick auf die zu erkennenden Phänomene und die kognitiven Instrumente, sondern darüber hinaus mit Blick auf die Konstellation von Subjekt und Objekt, von Mensch und Natur, letztlich von Mensch und dem ‚Absoluten’ (Mensch und Gott).

Das Verlangen nach Einheit ist offensichtlich motiviert durch Erfahrungen der Partikularisierung und Desintegration verschiedener Art und Erscheinungsweise. ‚Mystische’ Einheitsentwürfe wurzeln in Erfahrungen oder spekulativen Erfahrungsauslegungen; dementsprechend unterscheiden sich auch die ‚mystischen’ Denk- und Artikulationsweisen von den idealtypisch verstandenen Wissenschaften der Moderne.

Paradigmen sind die Mystiken unterschiedlicher Religionen, besonders die christliche Seelenmystik des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, mystische Elemente in der gnostischen, hermetischen und neuplatonischen Tradition, sowie die Naturmystik des 17. und 18. Jahrhunderts. Kontinuitätslinien zu den modernen Phänomenen sind nicht immer nachzuweisen (obwohl sie in einzelnen Fällen vorhanden sind); der mystische Charakter moderner Phänomene wird vielmehr durch deren inhaltliche, strukturelle und sprachliche Äquivalenzen mit den historisch paradigmatischen Phänomenen erschlossen. Bei der Erschließung solcher Äquivalenzen wird auch nach äquivalenten Erfahrungsanlässen zu fragen sein.

Das Projekt wird sich in drei Arbeitsfeldern entfalten. Der Begriff der ‚Naturmystik’ ist eingebürgert; daß jedoch eine Gemengelage von ‚moderner’ Naturwissenschaft mit hermetisch-alchemistischer Tradition oder – generell – panentheistischem Weltverständnis, wie sie im 17. und 18. Jahrhundert anzutreffen ist, auch in zeitgenössischen Kosmologien oder sogar in Diskussionen um die Quantenphysik beobachtet werden kann, führt zur Neuformulierung dieses Forschungsbereichs. Neben der ‚Naturmystik’ haben die Antragsteller die Begriffe ‚Biomystik’ und ‚Cybermystik’ zur Bezeichnung der weiteren Arbeitsfelder eingeführt. Im Bereich der ‚Biomystik’ geht es darum, die Aktualität der holistischen Tradition im Rahmen der experimentellen, ‚harten’ naturwissenschaftlich-biologischen Forschung aufzuweisen. Das Arbeitsfeld ‚Cybermystik’ erschließt die Äquivalenzen des neuen, informationstechnologisch fundierten Menschenbildes mit den Palingenesie-Vorstellungen der gnostisch-hermetischen Tradition. Soweit in diesem Zusammenhang oder in anderen Kontexten Spekulationen über eine neue, ‚transhumane’ Existenz der Menschheit insgesamt auftauchen, sollen auch ‚geschichtsmystische’ Aspekte untersucht werden.

Die Untersuchung der angeführten Gegenstandsbereiche aus der Perspektive des ‚Mystischen’ eröffnet neue Möglichkeiten einer Differenzierung – wenn nicht Revision – des Begriffs der ‚Moderne’ und zugleich der Charakteristiken moderner ‚Wissenschaft’. Ebenso bedeutsam ist die angestrebte Bewertung mystischer Implikate der Wissenschaft hinsichtlich ihrer Motivationen und Intentionen, und dies soll auch heißen: für Menschenbild und Humanitäts- bzw. Zivilisationsbegriff.

Das Forschungsprojekt ist interdisziplinär konzipiert. Die Interdisziplinarität ist gewährleistet durch die entsprechenden bisherigen Forschungstätigkeiten der Projektleiter sowie durch die Zusammenstellung des Kreises von Projektleitern und korrespondierenden Mitgliedern. Die Internationalität des Projekts besitzt ihren Angelpunkt in der Kooperation zwischen den Projektleitern der Universität Siegen und der University of Florida; die korrespondierenden Mitglieder kommen aus Deutschland, den Niederlanden, den USA bzw. USA/Israel.

Letzte Aktualisierung: Mai 04
7